Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Bärenköpfe, und wohin Gabriele im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen, drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, welche trotz Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt, welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft wie menschlich.

Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen Falten herniederfällt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern, welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin von Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.

Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem Willkommen die schlanke, weiße Hand zum Gruß, und unter den silbernen Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so schöne, edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden hat, als ströme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen.

Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige Wohlwollen, welches sie hierherkommen hieß, — und Gundula schaut einen Augenblick tief und ernst in das Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und drückt die kleine Hand kräftig in der ihren.

»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und daß Sie gerne bei uns weilen!« sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt Befehl, das Gepäck in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen.

»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in meiner Nähe, denn anfänglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich genug bei uns sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief dunkelgebräunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Bärenköpfe, welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten Sie sich nicht vor diesen zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie sind unsere lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus wie gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Fürchten Sie sich vor Bären?«

Gabriele lächelt.

»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, daß dieselben auch mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschützen werden.«

»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und niedrig, wie es unsere Altvordern gemütlich fanden. Der Blick ist schön, — Sie sehen aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, wird Ihnen diese stille Poesie sicher gefallen.«