»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, und bin gern gekommen. Wenn man die Welt durch Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge weh.«
Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin, sie legt die Hand auf ihre Schulter.
»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, — gebe Gott, daß es hier gesunde! — — Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt werden sollen, — rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen Sie Hilfe? Hanne steht zu Ihrer Verfügung.«
»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.«
Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt es gut, wenn ein Mädchen selbständig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch manches erfragen müssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, — am liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets Zeit für Sie.«
»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.«
»Und jetzt lasse ich Sie allein, — Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe bedürfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig allein im Hause, mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren. Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, — Gott der Herr segne Ihren Eingang in dies Haus.«
Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und berührt mit ernstem Kuß seine Stirn, dann geht sie.
Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.
Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild, welches aus dem Rahmen gestiegen, durch diese dämmrig stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie in dieses Haus!