Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr Herz.

Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die Heimreise denke.

Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin in den Park hinab.

Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben nachgeschickt werden solle.

»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!«

»Befehl, Frau Gräfin!«

Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens zu der Burgherrin auf.

»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«

Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und verstehe sie nicht recht.

»Mein Sohn sagte Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in der Welt, kennen Sie ihn denn, Gabriele?«