»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«

»Das wohl, — aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind, dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche eine schneidige Attacke reitet!«

»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze — die Spichererhöhe im Sturme genommen?« —

»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden sehen, seine tollkühne Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor unsern Blicken herausfordert und überwindet!«

Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema vielleicht auch mit meinem Sohn?«

»Ich glaube ja. — Möglicherweise verargte er es mir.«

Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das Haupt.

Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.

Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe und Spannung erlöst, auf und sagte leise:

»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«