Guntram Krafft als Freund — wie schön wäre das! — Als Bewerber um ihre Gunst und Liebe — wie unerträglich! —
Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.
Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.
»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«
Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr Zerbrechliches anfaßt.
Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«
Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.
»Was fehlt dir, Mutter? — Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«
Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken Sie? — Sind Sie noch im Zimmer?«
Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem lodernden Kaminfeuer geschaut. — Ja, ein schönes Bild, und eine gerechtfertigte Angst und Sorge — und doch schien sie Gabriele nicht männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen, welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?