Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und Handeln, — und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«
Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe hernieder an sein Herz zu sinken. —
Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens geworden.
Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das Kaminfeuer und sagte:
»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«
»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt wird.«
Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.
»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich dann mehr wie die Kälte. — Am liebsten bliebe ich hier. — Was unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«
Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.
»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft. Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«