»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine bessere Meinung von ihr bekommen!«

Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft sie.

»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«

Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, — Gundula aber schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven Fischer ebenso! — Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? — Gehen Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, — er ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«

Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram Kraffts Worte am Strand drunten ein.

Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! —

Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.


Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens, über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie konnte nicht schlafen.

Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.