»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?«
»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! — Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern bis an den Schuppen geleiten!«
»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!«
»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!«
— Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der Wind entgegen.
Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf — und in lustiger Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen.
Welch ein Sturm war das!
Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu bog er tief hinab zum gelben Sande!
Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne — und es dehnt sich nicht mehr so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf.