Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre törichte Verlegenheit zu überwinden.
»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös Wetter hinausschicken müßte!«
»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«
»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch, der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen! Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. — Da ist es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß sehr wenig ›Hoffähige‹ finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen Menschen sind!« —
Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«
Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken Finger Gundulas.
»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin, gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«
»O nein!«
»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«
»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«