Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.
Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt sogleich nach seinem Zimmer hinauf.
Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr »Gute Nacht«.
Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem Erkerstübchen.
Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.
»Was ist das?« fragte sie betroffen.
Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! — Hörten Sie ihn noch nie um alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird schlimm, — aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte auf Hohen-Esp!« —
Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.
»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! — Wenn freilich der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute keine Rede, — diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür nach meinem Zimmer öffnen, — Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« —