Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten, verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben, zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen Ehemals! —
Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme der Leuchter flicht, — dann niederkniet vor der Altardecke und auch an ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr ausgeschaut hat. —
Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen, ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge: »Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!«
Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.
Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das wurmstichige Holz gleiten.
Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.
Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. — Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. —
Armer, armer Jüngling!
Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise Engelsstimme, welche um die Toten klagt.
Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von Hohen-Esp — und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen Schmuck ...