Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge Mädchen wie um den Sohn besorgt.

Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe Frauengestalt und hastet nach der Tür.

Hu, welch ein Sturm!

Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes; Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft, gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse durch das Brausen und Heulen.

Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet. Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor, wenn der Sturm die Massen zerreißt.

Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in nächster Nähe — wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen schallt sie empor.

Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.

Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen, hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp, welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende Gesell, der Sturmwind!

Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.