Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten, mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den lockigen Scheitel.
»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, — ich wünsche es! — Sie sind von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! — Was wollen Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den köstlichen festen Schlaf der Jugend, — den gebrochenen Arm habe ich ihm schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, — auch darin habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, — ich glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« —
Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger Ferne ein liebes, liebes Bild.
Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder ... wollte sprechen und schwieg dennoch.
»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, — sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, — sie bringt Glück! — Und ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in dieser Nacht mit uns war!« —
Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten. Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf der Treppe still.
War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für sie zu erfüllen?
Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht!
Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. —