Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin.
Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu ihrer Seite — da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.
Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem lockigen Haar.
Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne, wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild des heldenhaften Mannes.
Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie in einem süßen Wonnerausch zu küssen.
Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in namenloser Erregung, klingt es neben ihr.
Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder, welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.
»Gabriele!!« — —
Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes Antlitz, — das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die Schreibtischplatte nieder.