Sie will, — halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung — und schon steht er neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine Beute nimmt! —

Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann, welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist!

»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer geschmückt und es geküßt, Gabriele, — damit hast du jenes Todesurteil zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest, würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! — Gabriele, hast du's gehört? Mein bist du, mein!«

Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert — —: »O, du Herrlichster!« — —

Wie ist es urplötzlich so warm — so duftig — so sonnenhell in dem sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden!

Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen, unersättlichen Küssen!

Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem Jubelruf.

Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.

Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller Traum versunken ist. —