Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und vollendet. — Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange gespenstisch um Turm und Söller geweht.

Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert, und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! —

»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu Guntram Krafft empor, — »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz — tatsächlich im Sturm! — Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes — um dich! — gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, — daß ich solche Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen konnte! — O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit sehe ich jetzt!«

Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen blinden Nixenaugen.

»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen, fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen und Verstehen!«

Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden Zähne im Sonnenschein blinken.

Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich, so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig schüttelt.

»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?« —

Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« — Und sie gehen noch ein Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen Topf auf dem Feuer hat — »grad so weggestürzt sei sie bei der Nachricht!!« — und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon durch Disteln und Riedgras.

Wie still ist's wieder, wie still! —