Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen — langsam sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende Gefieder im perlenden Schaum.
Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.
»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« —
Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, — gestern in dunkler Nacht, als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.
Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach dir auszustrecken ...«
»Das hättest du sonst nicht getan?«
»O, nie und nimmermehr, — und hätte ich sterben müssen an den Qualen, welche mein Herz zerrissen!«
Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit offenen Armen entgegenkam?« —
Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in Hohen-Esp begegnetest? — Anfänglich war ich nicht böse darüber, im Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! — Aber später, wie es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will, welchen es liebt?« —
Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.