»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, — der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete mich um dieser heiligen Entrüstung willen — o ja! Nun entsinne ich mich plötzlich wieder ganz genau! — Sie behauptete, ›der geschmähte Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!‹ Das reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. ›Gibst du es vielleicht schriftlich?‹ spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! — Hier siehst du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen, — noch das vorgedruckte Datum — S ..., Villa Monrepos ... und hier von mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und noch deutlich zu erkennen!« —

Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand über die Stirn und murmelte beinahe atemlos —: »Dieses Datum hatte ich nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen sein! — Ich war ja arglos wie ein Kind ...«

Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes Antlitz empor.

»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! — Sag' es mir, Guntram Krafft, ich bitte dich darum!«

Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen.

»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, — aber ich will nicht ebenso verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich gegeben!«

Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe Diskretion zugesagt, — und ich bitte dich, sie halten zu dürfen, Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien, daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine sturmumbrauste Heimat gehörst!« —

— Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. — »Nein — sag' nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in sich selber trägt. — So groß aber — ganz so groß, wie du wähnst, war ihr Vergehen jedoch nicht!«

Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! — Erst hier in Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat für alle Ewigkeit!« —