Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten.
»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« — lächelte sie, »damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! — Das Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns geschenkt!«
Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie tief unter Muscheln und wogendem Tang.
Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte Streifchen im Wellenschnee verschwindet.
»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.
»Damals! — und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel, welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche, welche ich meinem Mütterchen schickte? — O, Guntram Krafft, — wie wird sie sich unseres Glückes freuen!« —
Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen getan.
Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. — Auch eine liebe, vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar mit denen der Generalin verschmolzen.
Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.