Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen. Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher der Wagen verschwunden war, aus.
»Friedrich Karl!« — rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen — »Friedrich Karl!«
Der Wind verwehte den Klang, — das bunte Laub rauschte auf und fegte raschelnd über die Fliesen.
Keine Antwort. — Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und schüttelte jählings den Kopf.
»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt man alles so schwer! — Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? — Das ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es zum Helden mache!« — und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen, uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem, wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen.
Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt.
Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.
Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen.
»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich, weil dein Vater von uns ging? — Bist drum noch nicht verlassen! Deine Mutter hält treue Wacht bei dir!«