Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben, welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide gelebt und gespart — und das Defizit ist bald ersetzt!«

»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!«

Erstaunt blickte Gundula auf.

»Du irrst, Tante!«

»Doch nicht! — Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können. Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand, blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. — Es gelang ihm, das Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. — Ganz plötzlich, als schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte, erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach London geschafft.

Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten, daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und endlich — wenn auch nach Jahren erst — völlig geheilt ward.

Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große Bestürzung hervor.

Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten verloren, — ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß. Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz streitig machen wolle. —

Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den immerhin ungeheuren Besitz zu teilen.

So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück.