»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so gewissenlos gedrängt ...«

»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück.

»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen brächte!«

»Und diese Nachrichten kamen!« — Wie der leise, grelle Schmerzensschrei zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas, dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach Atem wie eine Erstickende.

Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf.

Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß Sie selber kamen, — ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen. Bleiben Sie in meiner Nähe, — es gibt wohl viel schwere, traurige Arbeit für uns. — Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, — selbst den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging, daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! — — Lassen Sie mich jetzt allein, — auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal mit mir reden!«

Ihre zitternde Hand faßt den Brief, — sie winkt damit —: »Geht! — geht!«

»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, — »meine arme, arme Frau Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen fallen darauf nieder.

»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! — Gott gebe Ihnen Trost und Kraft ... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!«

Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, — kalt wie Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben.