Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt.

Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte; dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in das Nebenzimmer. —

Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und erbricht alsdann das Schreiben.

Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder.

Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe!

Ja, nun wird ihr alles klar!

Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur mein Eigentum, sondern auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann, welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste Glück verspielte, — das Glück: Vater zu sein! — Ich habe einen Kampf der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich, bin ich gerettet — für euch und für ein besseres, glückliches Leben, — verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, — ich habe gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, — aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich leichtsinnig gemacht! — Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch! Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es war, — mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!«

— Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem erst so steinernen Angesicht.

Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück gestohlen und das Dasein vergiftet! — Die Welt mit ihren leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf!

Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, — die Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen können — wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den grünen Tisch gebannt hätte!