Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! —

Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor, den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen, nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu wagen. —

Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie ihm die sichere Höhle gebaut!

Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen.

Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im Burghof drunten.

Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen.

Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die Verzweiflung getrübt hat.

Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die Vergangenheit von ihr losgelöst hat.

Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die hohen Hallen schreitet. —

Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde, rosige Gesicht hernieder.