Aber die Gräfin kam nicht.
Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen.
Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff zurückweise!
Wie interessant war das!
Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?
O nein! — Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien habe.
Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in kläglichem Zustande gewesen, — dem solle zuerst abgeholfen werden.
»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen!
Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich denken könne, — kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille, resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln.
Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau!