Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz.
Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes, doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen hält.
Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen, und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! —
Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.
Aber der Sohn? — Das Kind? — Bringt der kleine Guntram Krafft denn nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? —
Darüber wußte man nicht viel.
Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen, überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran.
Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher!
So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, — selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten, hielte ihn die Gräfin an.
Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte Unkraut und begieße die Beete.