Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche Notwendigkeit denken würde!

Aber Tante Agathe hoffte kaum noch — die Zeit hatte sich während all der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der Einsamkeit als ein moderner Parsival auf!

Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch, den sie noch an das Leben habe.

Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen.

Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz einer unglücklichen Mutter schlagen!« — sagte der Herzog, und er nahm die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse.

Und abermals verging die Zeit.

Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht darüber vernachlässigt wurden.

»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen Besitz seiner Väter zurückerwerben!«

Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit übriglassen.

In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen Fähigkeiten zu dienen.