— Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, — die andern jungen Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. —
VI.
Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp.
Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich verletzt hatten.
Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.
Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen.
Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch so rein an Herz und Sinn wie ein Kind.