Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne, sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber.
Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen Jahren von ihrem Gatten gesprochen.
Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn.
Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde, unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und Einsiedler aus ihm.
Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten!
Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht, von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach welchen sie doch nie zurückverlangten.
»Nord, Süd, Ost — West —
Daheim ist's am best'!«
lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres Verdienst lockte.
Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat gelangen ließen.
Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft, die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben.