Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren« nannten.
Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt, bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte! —
Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten, welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume kreisen.
Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte:
»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit Kind auf so liebgehabt hat!« — oder —: »Weißt du's, Mutter, daß dem Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger, pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause —: »Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch blickten seine blauen Augen seltsam ernst! —
Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise: »Ja, es ist Zeit geworden!« —
Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue Turmgemäuer peitschte. —
Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden.
Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden, dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein!