Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte, sich in das Unvermeidliche zu fügen.

Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib gebildet!

Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste mitmachen, er mußte es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte.

Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um ein Weib zu dienen.

Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen, dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben.

Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? —

Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!

Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße legen?

Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt in sein stilles Heim? —

Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? —