O nein! Nun und nimmermehr!

Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen, bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines Karnevals zugrunde gehen!

Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, — er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.

Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in die Residenz begleiten.

Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden unbarmherzig zu zerreißen.

Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür, den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft.

Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.

»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt.

»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? — Aber bei diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle, wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! — Vorhin wieder eine Brigg! — Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und sie saß fest! — Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch das Recht der Erstgeburt!«