Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der Hofgesellschaft mitmachen!«
Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es, daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe, mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« —
»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten, liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen — —«
Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes, flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf gesehen.
Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit, wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du damit, Mutter?«
»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne, liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!«
Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem Blicke an.
»Das würdest du gut heißen?!«
»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe, daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest, und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden Landstraße, finden! — Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, — gebe der barmherzige Gott, daß du in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht mit Blindheit geschlagen sein mögest!«
Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich, treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles Aufseufzen durch ihre Seele. — »In Sturm und brandende Meereswogen habe ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt und glänzt und lockt wie ein Märchensee, — welche ihre Klippen unter schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße Nixenarme breiten, — jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld, und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge, den es meiner Seele geraubt hat!«