»Nein, Gottlob, — ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht, blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat er nie zuvor gesehen.
Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt mit nachdenklichen Blicken betrachtete.
Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer Nixe, welche der Flut entsteigt!
Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem, forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den dunklen Wimpern zum Stern geformt!
Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle Tiefe, auf Leben und Sterben.
Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden Ring, welcher seine Heimat umschloß.
Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der weißen Brust, — die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die schimmerten wie durchsichtiger Kristall! —
So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!
Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.