Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge großgezogen, zu ersehnen.
Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.
»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach deiner Ansicht ruinieren muß! — Hast du auch jetzt noch keine bessere Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine Karte anzurühren?«
— — — Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz, stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. —
Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.
»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich stellt, gewachsen sein.« —
»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir, um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!«
»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von Hohen-Esp!«
Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut.