„Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und dabei ist er nichts weniger als schön, nichts weniger — seine Nase — er hat eine geradezu widerwärtige Nase.“
„Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzählen, Herzchen, Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzählen. Das ist ja eine ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte ‚Bö kon apell istoar‘,“ sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster Verzweiflung und mit flehender Stimme. — Es ist vielleicht nicht überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß beide Damen sehr viel fremde Worte und sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch einflochten. Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser für die französische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie für unser Vaterland hat, so groß seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu ihrer Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht über sich gewinnen, einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort.
„Was für eine Geschichte?“
„Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, in was für einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie bloß zu ihm?“
„Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?“
„Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht das schlimmste! Nein, hören Sie bloß, was die Frau Oberpfarrer mir erzählt hat! ‚Denken Sie sich,‘ sagte sie, ‚kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, nein, Sie glauben garnicht, was die mir erzählt hat. Hören Sie doch nur, was die mir erzählt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, wie man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans Tor geklopft, und sie hört eine menschliche Stimme rufen: ‚Macht auf! Macht auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...‘ Nun, wie gefällt Ihnen das? Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?“
„Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?“
„Ach, was! Eine alte Schachtel!“
„Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!“
„Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie vermuten. Denken Sie sich, plötzlich steht er bis an die Zähne bewaffnet vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: ‚Verkaufe mir die Seelen derer, die gestorben sind,‘ sagte er. Die Karobotschka antwortet natürlich ganz vernünftig: ‚Ich kann sie nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.‘ — ‚Nein,‘ ruft er, ‚sie sind nicht tot. Das ist meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,‘ sagte er. ‚Sie sind nicht tot, sind nicht tot!‘ schreit er. ‚Sie sind nicht tot!‘ Mit einem Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf läuft zusammen, die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den andern, kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich garnicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies alles hörte. ‚Liebe gnädige Frau,‘ sagt meine Maschka zu mir. ‚Besehen Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!‘ ‚Ach, jetzt ist mir nicht darum zu tun,‘ sage ich, ‚ich muß schnell zu Anna Grigorjewna hinfahren und es ihr erzählen.‘ Ich lasse sofort anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie mich das aufgeregt hat!“