„Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!“ Und Manilow machte dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte sogar einmal Sie zu ihm.

Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: „Wir werden’s schon finden,“ und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre Taschentücher schwenkten.

Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische stand.

Drittes Kapitel

Unterdessen saß Tschitschikow vergnügt in seinem Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstraße dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn sie hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten Lächelns auf seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er gar nicht darauf, was für treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt war, an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und tat bloß so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, während sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Kräften abquälten, das Gefährt weiter zu bringen, so daß man ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von den Augen ablesen konnte: „Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch überlisten!“ sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. „Tu deine Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Maß Hafer mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor — der ist auch ein gutes Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, paß auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, wo der hin will!“ Hierbei gab er ihm wieder eins mit der Peitsche und murmelte: „Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter!“ Dann rief er allen miteinander ein: „He! Ihr Lieben!“ zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: „Du glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren — das sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch — das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel — den achten alle Leute, hörst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und Skollegenrat ist ....“

In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt war. Hätte Tschitschikow aufmerksam zugehört, er hätte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Träumen weckte und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter noch stärkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er in schräger Richtung herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann änderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel und spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwäche in den Beinen spürten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache überlegt und über den Weg nachgedacht hatte, kam er zur Überzeugung, daß sie schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei dem nächsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden zurief: „Hüh! liebe Freunde!“ und dann jagte er im Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg führen werde.

Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu wollen. Der Staub, der die Landstraße bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er konnte nichts sehen.

„Seliphan!“ rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte.

„Ja, Gnädiger Herr?“ antwortete Seliphan.

„Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!“