Das Wort Edelmann schien einigen Eindruck auf die Alte gemacht zu haben. „Wart’ ich will’s der gnädigen Frau melden,“ murmelte sie, entfernte sich und kam nach zwei Minuten mit einer Laterne in der Hand wieder zurück. Das Tor öffnete sich. Jetzt wurde auch das andere Fenster hell. Der Wagen fuhr durch das Tor und machte vor einem kleinen Häuschen halt, das in der Dunkelheit nur mit Mühe zu erkennen war. Nur die eine Seite war von dem Lichte erleuchtet, das aus den Fenstern fiel; vor dem Hause sah man noch eine Pfütze im Lichte daliegen. Der Regen trommelte laut auf das Holzdach und rieselte wie ein rauschender Bach in eine daruntergestellte Tonne. Die Hunde heulten in allen Tonarten; der eine hatte den Kopf hoch empor geworfen und stieß fortgesetzt lange klägliche Töne hervor; dabei war er mit einem solchen Eifer bei der Sache, als ob er Gott weiß wieviel dafür bezahlt bekäme; ein anderer produzierte sich mit der Fertigkeit eines Küsters; zwischendurch erklang ununterbrochen wie ein Postglöckchen der Diskant eines wahrscheinlich noch jungen Köters, und dies ganze Konzert wurde getragen von dem gewaltigen Baß eines alten, der wohl mit einer robusten Hundenatur ausgestattet war, denn er schnarrte wie der Konterbaß eines Gesangchors, wenn das Konzert in vollem Gange ist; die Tenöre stellen sich auf die Fußspitzen, um die hohen Töne besser herauszubringen, alles strebt in die Höhe, und wirft die Köpfe in den Nacken; nur er allein, der Konterbaßspieler, steckt das unrasierte Kinn in den Halskragen, hockt mit gebeugten Knieen fast am Fußboden, und schmettert nun plötzlich von dort aus seine Note in die Luft, daß alle Fensterscheiben erklirren und erzittern. Schon allein das Hundegebell, das von diesen Musikanten herrührte, brachte einen auf die Vermutung, daß dies ein recht ansehnliches Dorf sei; aber unser halb erfrorener und durchnäßter Held dachte an gar nichts mehr, außer an ein warmes Bett. Noch ehe der Wagen halten konnte, sprang er hinaus, stolperte und wäre beinahe auf der Treppe hingefallen. Aus dem Flur trat jetzt eine andere Frau, die etwas jünger war als die erste, aber ihr dennoch recht ähnlich sah. Sie geleitete Tschitschikow ins Zimmer. Hier angelangt, warf er einen flüchtigen Blick auf das Innere; das Zimmer war mit alten gestreiften Tapeten bekleidet; an den Wänden hingen ein paar Bilder, auf denen allerhand Vögel abgebildet waren, und zwischen den Fenstern waren kleine altertümliche Spiegel mit dunklen Rahmen aufgehängt, die die Form zusammengerollter Blätter hatten. Hinter jedem Spiegel steckte ein Brief, ein altes Spiel Karten, ein Strumpf oder dergleichen; dazu kam noch eine Wanduhr mit einem geblümten Zifferblatt ... Tschitschikow konnte nicht alles übersehen. Er fühlte, daß seine Augen zufielen und seine Augenlider zusammenklebten, wie wenn sie jemand mit Honig bestrichen hätte. Nach ein paar Minuten erschien die Hausfrau, eine ältere Dame mit einer Nachthaube, die sie offenbar in der Eile aufgesetzt hatte, und mit einem Flanelltuch um den Hals, eine von jenen Matronen und kleinen Gutsbesitzerinnen, die immer über Mißernte und Verluste jammern und den Kopf hängen lassen, während sie ganz im Stillen, wenn auch langsam ein Geldstück nach dem andern in ihren bunten Leinwandbeutel tun, den sie in der Schublade ihrer Kommode verschließen. In den einen Geldsack legen sie die Rubel, in den nächsten die Fünfzigkopeken-, in den dritten die Fünfundzwanzigkopekenstücke, und doch sieht es so aus, als wenn in der Kommode nichts sei, als Wäsche, Nachtjacken, Garnrollen und ein aufgetrennter Rock, der sich in ein neues Kleid verwandelt, wenn das alte vor dem Fest beim Backen von Stollen und Pfefferkuchen anbrennt oder von selbst verschleißt. Wenn das Kleid jedoch nicht anbrennt und noch weiter vorhält, dann läßt unsere sparsame Alte den Rock noch lange aufgetrennt in der Schublade liegen, um ihn in ihrem Testament, zugleich mit manchem anderen Gerümpel, irgend einer Nichte oder Cousine zweiten Grades zu vermachen.

Tschitschikow bat um Entschuldigung wegen der Beunruhigung, die er ihr mit seiner Ankunft verursacht habe. „Macht nichts, macht nichts!“ sagte die Hausfrau, „zu wie später Stunde Sie auch der Herrgott hierher geführt hat! Bei dem Sturm und Schneewetter! Nach dem langen Weg sollte ich Ihnen eigentlich was zu essen anbieten, aber es ist schon so spät in der Nacht; ich kann nichts mehr herrichten!“

Die Worte der Hausfrau wurden durch ein merkwürdiges Zischen unterbrochen, sodaß Tschitschikow nicht wenig erschrak. Es war ein Geräusch, als wenn sich das Zimmer plötzlich mit Schlangen angefüllt hätte; aber ein Blick nach oben genügte, um ihn völlig zu beruhigen; er überzeugte sich, daß der Ton von der Wanduhr herrührte, die offenbar schlagen wollte. Auf das Zischen folgte denn auch gleich ein Schnarren, und endlich schlug sie, nachdem sie alle Kräfte zusammengenommen hatte, zwei Uhr und zwar in einem Ton, als ob jemand mit einem Stock auf einen zerbrochenen Topf klopfte, worauf das Pendel aufs neue fortfuhr, sich im ruhigen Takte hin- und herzubewegen.

Tschitschikow dankte der Hausfrau, indem er versicherte, er brauche gar nichts, sie möge sich nur nicht beunruhigen, außer dem Verlangen nach einem Bett habe er keine anderen Wünsche. Zugleich erkundigte er sich, wohin er sich eigentlich verirrt habe, und ob es noch weit von hier bis zum Gut des Herrn Sabakewitsch sei, worauf die Alte erklärte, sie hätte diesen Namen noch nie gehört, einen Gutsbesitzer dieses Namens gäbe es überhaupt nicht.

„Kennen sie wenigstens Manilow?“ fragte Tschitschikow.

„Wer ist das, Manilow?“

„Ein Gutsbesitzer, Mütterchen.“

„Nein, ich habe seinen Namen noch nie gehört, einen solchen Gutsbesitzer gibt es nicht.“

„Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?“

„Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.“