„Was bekommst du?“ fragte der Schwager.
„Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht ja nur achtzig Kopeken.“
„Du lügst! Gib ihr ’nen halben Rubel! das ist mehr als genug.“
„Ein bissel wenig, gnädiger Herr,“ sagte die Alte. Indessen nahm sie das Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil von dem, was sie gefordert hatte.
Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz. Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein Schwager saßen, her, und so konnten sich alle drei während des ganzen Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den dürren Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr zurück. In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde.
Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich kein großes Interesse für den Leser haben dürfte, werden wir gut tun, diese Zeit zu benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu sagen, der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen wird.
Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt. Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre Prügel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell Freundschaften, und eh man sich’s versieht, duzen sie einen schon. Sie schwören immer ewige Freundschaft, und fast scheint’s, daß sie ihr Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, daß der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, feine Jungens, mit einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es noch immer, zu bummeln und sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im geringsten verändert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurückließ, die er absolut nicht brauchen konnte. Übrigens hatte er die Aufsicht über die Kinder einer recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte es zu Hause nie länger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf fünfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen zusammenkamen und Feste und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick war er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, denn er war, wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, und daher gab’s am Ende des Spiels gewöhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam eine Tracht Prügel und ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn an seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal nur mit einer Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch nur noch recht dürftig aussah. Aber seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, daß der Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schöner wurde, als früher. Und was dabei das Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland passieren kann, — schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht im geringsten beleidigt.
Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit. Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend eine „Geschichte“ passierte. Irgendeine „Geschichte“ gab es immer: entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt und aus dem Saal geführt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn hinauszubefördern. Und wenn es nicht gerade dies war, etwas ereignete sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, daß er sich in der Restauration so sehr betrank, daß er garnicht aus dem Lachen herauskommen konnte, oder daß er sich so in seine eigenen Lügen verstrickte, sodaß ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne jeden Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu erzählen, er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder irgend einen ähnlichen Blödsinn, bis alle Anwesenden weggingen und sagten: „Na Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!“ Es gibt Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nächsten einen üblen Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem Stern auf der Brust, die einem freundlich die Hand drücken, sich über die tiefsten und erhabensten Gegenstände unterhalten, welche unseren Geist beschäftigen, um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewöhnlichen Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes würdig ist, der einen Stern auf der Brust trägt und über die tiefsten und erhabensten Gegenstände spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher sich einer ihm anschloß, um so ärger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte, wie sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, machte Verlobungen rückgängig, verdarb einem das Geschäft und hielt sich dabei keineswegs für den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich so, daß man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem höchst freundschaftlich entgegen und sagte sogar: „Du bist doch ein ganz gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals?“ Nosdrjow war in mancher Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann kaufte er alles Mögliche zusammen, was er im ersten besten Laden vorfand: Halsbügel für seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher für das Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen, Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis ihm das Geld ausging. Übrigens passierte es nur höchst selten, daß er all die schönen Dinge mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne Pfeife, den Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl gar noch das ganze Viergespann mit allem Zubehör: Wagen und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst in einem kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter uns, und trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern Rock; aber die Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; wie oft halten sie jemand, wenn er nur einen andern Rock anhat, auch für einen ganz andern Menschen!
Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen für ihren Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen ein monotones Lied dazu, das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nächste Zimmer, um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gäste hörten, wie er beim Koch ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen Appetit verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald darauf zurück, um seine Gäste zu einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle Sehenswürdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu zeigen übrig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber Nosdrjow versicherte und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn bezahlt habe.
„Zehntausend waren es sicher nicht,“ bemerkte der Schwager, „der ist noch keine tausend wert.“