„Seit wann ist denn das dein Wald?“ fragte der Schwager. „Hast du ihn etwa neulich angekauft? Früher gehörte er dir doch nicht.“
„Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,“ sagte Nosdrjow.
„Wie ging denn das so schnell?“
„Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen müssen, weiß der Teufel!“
„Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der Messe?“
„Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner Abwesenheit hat der Verwalter das Gehölz gekauft.“
„Es müßte denn schon der Verwalter sein,“ sagte der Schwager, noch immer zweifelnd und schüttelte den Kopf.
Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurück. Nosdrjow führte sie in seine Stube, in der übrigens nichts von alledem zu entdecken war, was man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte bloß den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige türkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift „Meister Sawelij Sibirjakow“, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben worden war. Darnach bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel hatte keinen unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein, denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied: „Held Malborough zog in die Schlacht“ über, und dieses schloß wiederum mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr, aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum Schweigen zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte. Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen und ohne solche usw.; man sah sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das Geschenk einer Gräfin, welche sich auf einer Poststation bis über die Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Händchen das „subtilste Superflüh“ waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich soviel wie die höchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten Stör zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch. Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert auf die Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch nicht ganz gar. Der Koch ließ sich wahrscheinlich mehr durch eine gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann schüttete er Pfeffer in den Kochtopf — lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu — mit einem Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache war, daß das Gericht recht heiß war, irgend einen Geschmack würde es schon haben! Dafür legte Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gästen schon ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz- und in den Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne. Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, „wie ihn selbst der Feldmarschall nicht besser getrunken hat“. Und in der Tat, der Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den Geschmack ihrer Kunden — der Gutsbesitzer kannten, die einen kräftigen Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit Rum und bisweilen auch mit Königswasser, in der richtigen Erwägung, daß ein russischer Magen alles vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und links mit großem Eifer die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow die Beobachtung, daß er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte. Dies veranlaßte ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins Gespräch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines Glases in den Teller zu schütten. Bald darauf wurde auch eine Flasche Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel roch. Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich sogar äußerst schwer aussprechen ließ, und den der Wirt selbst bei der nächsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war längst zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gäste saßen noch immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht entschließen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers über den Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager war schließlich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt werden. Übrigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm gefährlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehörig geladen, er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle und sank beständig mit dem Kopf vornüber. Endlich mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und müden Stimme, als zöge man — um mich eines volkstümlichen russischen Ausdrucks zu bedienen — dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange über den Kopf.
„Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!“ sagte Nosdrjow.
„Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren!“ bat der Schwager, „du mußt mich nicht so peinigen!“