„Wie? — Der Gouverneur ein Bandit?!“ sagte Tschitschikow, der durchaus nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten war. „Ich muß gestehen, das hätte ich wirklich nicht gedacht,“ fuhr er fort. „Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar nicht derart; man könnte eher sagen, daß er einen sehr weichen Charakter hat.“ Und wie zum Beweise führte er die Geldtaschen an, die jener gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung über den freundlichen Ausdruck seines Gesichtes.
„Aber das ist doch ein Banditengesicht!“ sagte Sabakewitsch. „Geben Sie ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstraße hinaus, — der schlachtet Sie kaltblütig ab — um einen Groschen! Er und der Vizegouverneur, — das sind die reinsten — Gogs und Magogs.“
„Hm, die haben wohl was miteinander gehabt,“ dachte Tschitschikow. „Ich will mal mit ihm über den Polizeimeister reden, der ist, glaub’ ich, sein Freund.“ — „Übrigens, was mich betrifft,“ fuhr er fort, „so muß ich gestehen, daß mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefällt. Was ist das doch für ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so Schlichtes und Treuherziges an sich.“
„Ein Gauner!“ sagte Sabakewitsch ganz kaltblütig, „der ist fähig, Sie zuerst zu betrügen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse und niederträchtige Verräter. Der einzige, der noch was taugt, ist der Staatsanwalt — aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.“
Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, daß eine Erwähnung der übrigen Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, daß Sabakewitsch den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte.
„Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische?“ sagte Frau Sabakewitsch zu ihrem Gatten.
„Bitte,“ sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und ließen sich’s gut schmecken, wie das im ganzen weiten Rußland in Städten und Dörfern üblich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt, zuvor einen kleinen Imbiß aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden Speisen und allen möglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmückten vier Gedecke. Der vierte Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Fräulein, eine Verwandte, eine Haushälterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die mit im Hause wohnte — ein Wesen von etwa dreißig Jahren, ohne Haube und mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschöpfe in dieser Welt, die nicht die selbständige Existenz eines Objekts besitzen, sondern gewissermaßen nur die Flecken oder Pünktchen auf einem Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie für ein Möbelstück zu halten, und kann sich nicht denken, daß sie je in ihrem Leben den Mund geöffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man sie nur im Mädchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um sich zu überzeugen, daß sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben.
„Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz,“ sagte Sabakewitsch, während er die Suppe kostete und sich dazu ein mächtiges Stück Saugbeutel vorlegte, von jenem berühmten Gericht, das gewöhnlich zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und Knöcheln gefüllten Hammelmagen besteht. „So eine Pastete,“ fuhr er zu Tschitschikow gewendet fort, „finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort setzt man Ihnen, weiß der Teufel was vor!“
„Beim Gouverneur ißt man übrigens gar nicht schlecht,“ meinte Tschitschikow.
„Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie würden den Appetit verlieren, wenn Sie das wüßten!“