„Na, du weißt es wohl nicht?“
„Nein, gnädiger Herr, ich weiß nicht.“
„Ach, du! Und dabei kriegt der Kerl schon graue Haare! Kennt den Geizhals Pluschkin nicht, der seine Leute verhungern läßt.“
„Ach so, der geflickte!“ rief der Bauer aus. Er ließ diesem Eigenschaftswort „der geflickte“ auch noch ein sehr treffendes Substantivum folgen, das wir jedoch unterdrücken, weil es in der Sprache der bessern Welt nur selten gebraucht wird. Übrigens wäre es nicht schwer zu erraten gewesen, daß dieser Ausdruck ein äußerst kennzeichnender war, weil Tschitschikow noch lange weiter lachte, als der Wagen schon ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt und die Insassen den Bauern schon längst aus den Augen verloren hatten. Es liegt eine gewaltige Kraft in der Ausdrucksweise des russischen Volkes. Wird mal einer mit einem solchen Wörtchen bedacht, so erbt es sich fort von Geschlecht zu Geschlecht; er schleppt es mit sich in den Dienst und in die Pension, bis nach Petersburg, und bis ans Ende der Welt. Mach Winkelzüge soviel und welcher Art du willst, such deinen Spitznamen zu veredeln, laß meinetwegen gedungene Schreiberseelen ihn für reichlichen Geldlohn von einem alten Fürstenadel ableiten, es hilft dir alles nichts. Dein Spitzname krächzt ohne dein Zutun aus voller Rabenkehle und verkündigt klar, woher der Vogel stammt. Ein treffend ausgesprochenes Wort ist wie ein schwarz auf weiß gedrucktes. Es läßt sich mit keiner Art herausbringen. Und wie wunderbar treffend ist alles, was aus den tiefsten Tiefen Rußlands hervordringt, wo es weder deutsche, noch finnische noch irgend welche anderen Volksstämme gibt, sondern alles ein urwüchsiges Urprodukt des lebendigen wagemutig-kecken russischen Geistes ist, der nicht lange nach dem rechten Worte sucht, der es nicht erbrütet, wie die Henne ihre Kücken, sondern es mit einem Ruck in die Welt setzt, wie einen Reisepaß für die Ewigkeit. Da brauchst du nicht erst hinzuzufügen, was du für eine Nase und was für Lippen hast, mit einem Strich bist du umrissen vom Scheitel bis zur Sohle.
Wie das fromme heilige Rußland mit einer unübersehbaren Menge von Klöstern und Kirchen mit Spitzen, Kuppeln und Kreuzen übersät ist, so stoßen und drängen, schillern und wogen unzählbare Scharen von Völkern, Geschlechtern und Stämmen auf dem Angesicht der Mutter Erde. Und jedes dieser Völker, das in sich das Unterpfand der Kraft trägt, das ausgestattet ist mit schöpferischen Geistesmächten, mit einer helleuchtenden Eigenart und anderen Gottesgaben, hat sich sein eigentümliches Gepräge gegeben, in einem selbst eigenen Worte, mit dem es in der Bezeichnung eines Objekts einen Teil seines eigensten Charakters wiederspiegelte. Herzenskenntnis und tiefe Lebensweisheit klingt uns aus dem Worte des Britanniers entgegen; leicht beschwingt und elegant blitzt auf und zerflattert das kurzlebige Wort des Franzosen; klug und schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres Rätselwort der Deutsche; aber es gibt kein Wort, das so weit ausladend, so keck sich losringt aus den tiefsten Tiefen des Herzens, so brodelt, glüht, vibriert von innerstem Leben, wie ein treffend urwüchsiges, russisches Wort.
Sechstes Kapitel
Einst, vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner Jugend, meiner unwiederbringlich entschwundenen Jugend, da machte es mir stets Freude, wenn ich an einem unbekannten Ort vorüberfuhr: ganz gleich, ob es ein kleines Dorf, ein armes Kreisstädtchen, ein Flecken oder eine größere Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte da nicht der neugierige Blick des Kindes! Jedes Gebäude, alles was den Stempel einer scharf ausgeprägten Eigenart an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich und hinterließ einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. Ein steinernes Haus oder ein Staatsgebäude von der bekannten Bauart, mit den vielen gemalten Fenstern, das in einsamer Höhe aus dem Haufen einstöckiger Blockhäuser der Stadtbewohner hervorragte; eine runde regelmäßige, mit weißem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich über der schneeweißen neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, ein kleinstädtischer Galan, der im Städtchen umherschlenderte — nichts entging dem scharf aufmerkenden kindlichen Spürsinn — und ich steckte meine Nase aus meinem Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock von mir gänzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten mit der weithin leuchtenden Schwefelblüte, mit Nägeln, Seife und Rosinen, die mir zugleich mit allerhand Schachteln und Büchsen voll vertrockneter Moskauer Bonbons aus der Tür eines Gemüseladens entgegenschimmerten; oder ich sah mir einen vorübergehenden Infanterie-Offizier an, den irgend eine seltsame Schickung hierher in die Langeweile der Kreisstadt verschlagen hatte, oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf einem Rennwagen an mir vorbeijagte — und ließ mich von meinen Gedanken weit forttragen in ihr armseliges Dasein. Ging ein Beamter des Städtchens an mir vorüber, so fing ich schon an zu träumen und zu grübeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft bei einem seiner Brüder oder vielleicht nur zu sich nach Hause, um ein halbes Stündchen vor der Haustür zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und sich dann mit Frau und Mutter, der Schwägerin und der ganzen Familie an den Tisch zum frühen Abendmahl zu setzen? Und wovon würden sie wohl sprechen, wenn das Mädchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in einer dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwüstlichen Leuchter mit der Talgkerze hereinträgt? Näherte ich mich dem Dorfe irgend eines Gutsbesitzers, dann blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen hölzernen Glockenturm oder die alte geräumige hölzerne Kirche. Wie anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten Blätterwerk der Bäume das rote Dach und die weißen Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und ich wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus seinem Gartenverstecke heraustreten und daliegen würde mit seiner so gar nicht öden oder langweiligen Front. Und dann suchte ich wohl aus dem Äußeren zu erraten, wer der Besitzer sei, ob er dick oder dünn sei, ob er Söhne oder wohl gar ein halbes Dutzend Töchter habe, die das Haus mit ihrem hellen Mädchenlachen, ihren Mädchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige Mädchenschar mit der unvermeidlichen Jüngsten und Schönsten; ob sie schwarzäugig seien und er selbst ein lustiger Bruder sei oder finster und mürrisch blicke, wie ein später Septembertag, beständig in sein Notizbuch und in den Kalender sehe und von nichts anderem spreche, als von dem für die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder Roggen.
Heute fahre ich gleichmütig an jedem fremden Dorfe vorüber und blicke gleichgültig auf seine elende Außenseite, mein erkalteter Blick fühlt sich nicht angeheimelt, nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was früher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine Bewegung oder ein Lächeln, und dem Munde nie versiegende Reden entlockte, das huscht jetzt an mir vorbei, und teilnahmloses Schweigen schließt mir die Lippen. O meine Jugend, o meine herrliche Frische!
Während Tschitschikow in Sinnen versunken war und heimlich in sich hineinlächelte wegen des schönen Spitznamens, mit dem die Bauern Pluschkin bedacht hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, daß der Wagen mitten durch ein großes und weitläufiges Dorf mit zahlreichen Straßen und Häusern hindurchrollte. Allein dies wurde ihm bald zum Bewußtsein gebracht durch einen recht kräftigen Stoß, der ihm von dem Knüppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit dem das städtische Straßenpflaster das reinste Kinderspiel war. Diese Knüppel hoben und senkten sich wie die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am Hinterkopf oder einen blauen Fleck an der Stirn zu gewärtigen, oder er lief sogar Gefahr, sich eigenzähnig die Zungenspitze abzubeißen, was ja auch nicht gerade zu den größten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins gehört. Die Bauernhäuser machten alle einen morschen, verfallenen Eindruck. Die Balken waren wurmstichig und altersgrau. Manche Dächer glichen einem Sieb. An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung außer dem Firstbalken, und darunter ein paar Latten, die sich wie die Rippen eines Skeletts ausnahmen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die Bretter und Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwägung, daß man eine Hütte doch nicht zum Schutz gegen den Regen baut, und daß es bei heiterem Himmel ja nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits aber auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe auf dem Ofen zu liegen, da ja anderswo Platz genug dazu da ist: in der Schenke, an der Landstraße — mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. Überall fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensteröffnungen mit einem alten Lappen oder einem Kleidungsstück zugestopft. Die kleinen Altane unter dem Dachvorsprung mit der bekannten Brüstung, die sich aus einem unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhäusern finden, hatten sich gesenkt und waren nachgedunkelt, was nicht einmal einen malerischen Anblick darbot. Hinter den Hütten sah man an mehreren Stellen lange Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon recht lange unbenutzt dalagen: ihre Farbe glich der eines alten schlechtgebrannten Ziegelsteins. Oben auf dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide gehörte anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen und den morschen Dächern ragten bald rechts bald links, je nach den Wendungen, die der Wagen machen mußte, zwei Dorfkirchen empor, die ihre Türme in die klare Luft reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von Holz, die andere von Stein mit gelb angestrichenen Mauern, die große Schmutzflecken und klaffende Risse zeigten. Hie und da blickte das Haus des Gutsherrn durch, bis es schließlich frei vor den Augen dastand, wo die Häuserkette abriß und statt dessen ein freier Platz sich öffnete, der etwas wie einen Gemüse- oder Kohlgarten darstellte und von einem niedrigen, stellenweise stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie ein hinfälliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier endlos hinstreckende Schloß aus. Stellenweise hatte es nur ein Stockwerk, stellenweise auch zwei. Auf dem dunklen Dach, das sein Alter nicht immer sicher beschützte, befanden sich gerade gegenüber zwei Aussichtstürme, beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, die sie einstmals deckte, längst verschwunden war. Hie und da ließen die Mauern die nackten Fachwerkfelder sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter Regengüssen, Wirbelstürmen, Ungewittern und Herbstschauern zu leiden gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren offen; die übrigen waren mit Läden verdeckt oder sogar mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen Fenster waren jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und das eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt.
Ein großer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, sich von dort weit bis übers Dorf hinaus erstreckte und in den Feldern verlor, belebte allein, obwohl auch schon verwildert und zugewachsen, dieses große Dorf und bot in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick dar. Wie grüne Wolken und unregelmäßige Kuppeln von zitternden Blättern ruhten im klaren Himmelsblau die verschlungenen Wipfel der Bäume, die in ungebändigter Freiheit sich üppig hatten entfalten können. Der mächtige weiße Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die der Sturm oder Blitz gebrochen hatte, erhob sich aus diesem grünen Dickicht und rundete sich in der Luft wie eine schlanke, schöngeformte Marmorsäule. Die schräge, scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein Kapitäl, hob sich von dem schneeweißen Grund ab wie ein Hut oder ein schwarzer Vogel. Grünschimmernder Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht Holundersträuche, Ebereschen und Haselbüsche in seinen engen Umarmungen zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und rankte sich um die halbgeborstene Birke. Auf halber Höhe ließ er sich wieder herabfallen, um sich an andere Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen Ranken in die Luft hinab, indem er seine Häkchen zu Ringen aufrollte, die im sanften Winde schaukelten. Hie und da trat das im hellen Sonnenlichte daliegende grüne Dickicht auseinander und ließ einen dunkelen schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen aufgähnte; dieser war ganz in Schatten getaucht, man konnte mehr ahnen, als erkennen, was einem aus der dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen engen, schmalen Fußpfad, ein umgefallenes Geländer, eine verfallene Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues Strauchwerk, das stachelicht und dicht hinter der Weide hervorguckte, vertrocknete Blätter und Äste, die in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander lagen, und endlich einen jungen Ahornschößling, der seine grünen gelappten Blätter weit ausstreckte, und deren eines ein Sonnenstrahl, der sich Gott weiß auf welche Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte, in einen durchsichtig goldigglühenden Stern verwandelte, welcher aus der dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz abseits am Rande des Gartens standen einige hochgewachsene, alle andern Bäume weit überragende Espen, die ein paar mächtige Krähennester in ihren zitternden Baumkronen trugen. Hie und da ließ eine von ihnen einen gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden Ast mit seinen vertrockneten Blättern traurig herabhängen. Mit einem Wort es war alles sehr schön, wie weder Natur noch Kunst es für sich allein hervorzubringen vermögen, und wie es nur dort zu gelingen pflegt, wo sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, wenn die Natur noch einmal über die oft ohne Sinn und Geschmack zusammengestoppelte Schöpfung des Menschen mit ihrem Meißel drübergeht, ihr den letzten Schliff gibt, die schweren Massen belebt, ihnen etwas Leichtes, Schwebendes verleiht, die grobe handgreifliche Regelmäßigkeit und Symmetrie verwischt und die elenden Mängel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht allzu aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame Wärme über alles zu ergießen, was in der frostigen Kälte wohldurchdachter, errechneter Sauberkeit und Peinlichkeit entstand.