Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht hatte, blieb er endlich vor dem Hause selbst stehen, das jetzt fast noch düsterer und trübseliger erschien. Die Mauern und das Tor waren mit grünem Schimmel bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebäude: Vorratskammern, Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht nebeneinander — auch sie alle gleichfalls mit den deutlichen Spuren des Alters und der Baufälligkeit; rechts und links sah man je ein Tor, das nach einem andern Hofe führte. Alles legte Zeugnis davon ab, daß hier einmal in ganz großem Maßstabe gewirtschaftet worden war, heute aber blickte alles trübe und finster. Da gab es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert hätte: — keine sich auftuenden Türen, keine ein- und ausgehenden Menschen, keine lebendigen häuslichen Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen Wagen, der mit Bastmatten zugedeckt war, in den Hof fuhr; wie mit Absicht, um diesen öden toten Ort ein wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wäre auch dieses Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen Krampe hing ein mächtiges Riesenschloß. Vor einem der Gebäude entdeckte Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit dem Wagenführer zankte. Er konnte sich lange nicht darüber klar werden, welchem Geschlechte die Gestalt angehörte; ob es ein Mann oder eine Frau war. Das Kleidungsstück, das sie anhatte, war völlig undefinierbar, und hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie noch eine Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber zu tragen pflegen. „Wahrhaftig, ein Weibsbild!“ dachte er, er fügte aber gleich hinzu: „Nein, doch nicht!“ — „Natürlich ein Weibsbild!“ sagte er endlich, nachdem er sich die Gestalt näher angesehen hatte. Diese beobachtete ihn ihrerseits gleichfalls mit großer Aufmerksamkeit. Der Ankömmling schien für sie eine Art Weltwunder zu sein, weil sie nicht bloß ihn, sondern auch Seliphan und selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs gründlichste musterte. Nach dem an ihrem Gürtel hängenden Schlüsselbund und den kräftigen Schimpfworten, mit denen sie den Bauern überhäufte, urteilte Tschitschikow, daß dies wohl die Schließerin sein müsse.

„Hör mal, Mütterchen,“ sagte er, während er aus dem Wagen stieg, „was macht der Herr?“

„Ist nicht zu Hause!“ versetzte die Schließerin, ohne den Schluß der Frage abzuwarten, und sie fügte gleich hinzu, „und was wollen Sie von ihm?“

„Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit.“

„Dann treten Sie bitte ins Zimmer,“ sagte die Schließerin, indem sie die Türe öffnete, ihm den mit Mehlstaub bedeckten Rücken zuwandte und dabei ein großes Loch in ihrem Rocke sehen ließ.

Er betrat den großen dunklen Flur, aus dem ihn Grabeskälte wie aus einem Keller anwehte. Aus dem Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das nur wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tür hineinfiel. Er öffnete diese Tür und befand sich endlich in hellem Tageslicht. Die Unordnung, die sich ihm überall aufdrängte, erregte sein Erstaunen. Es sah fast so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen würden und während dessen sämtliche Möbel in dieser Stube untergebracht worden wären. Auf einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben eine Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das eine Spinne bereits mit ihrem Gewebe umsponnen hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand gelehnter Schrank mit altem Silbergerät und allerhand Karaffen aus chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, das mit Perlmuttermosaik ausgelegt, stellenweise seines Schmuckes entkleidet war und an seiner Stelle die mit trockenem Leim gefüllten Lücken sichtbar werden ließ, lag allerhand bunter Kram beieinander: ein Haufen eng beschriebener Zettel, auf denen ein grünlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit einem kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband mit rotem Schnitt, eine trockene ausgepreßte Zitrone, die nicht größer war als eine Walnuß, die abgebrochene Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit einer roten Flüssigkeit und drei darin schwimmenden Fliegen, das mit einem Briefbogen bedeckt war, ein Stückchen Siegellack, der Fetzen eines irgendwo aufgelesenen Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie die Schwindsucht hätten, ein gelblicher Zahnstocher, mit dem sich sein Herr wohl noch vor der Einnahme Moskaus durch die Franzosen die Zähne gereinigt haben mochte, usw. An den Wänden hingen nahe beieinander und in recht geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: ein schmaler Stahlstich von irgend einer Schlacht, auf dem man fürchterliche Trommeln, schreiende Soldaten mit Dreimastern auf den Köpfen und ersaufenden Pferden erblickte. Der Stich befand sich in einem Rahmen von Mahagoniholz mit schmalen Bronzeleisten und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes Ölgemälde, das die halbe Wand einnahm, und auf dem Blumen, Früchte, eine zerschnittene Wassermelone, die Schnauze eines Wildebers und der herunterhängende Kopf einer wilden Ente abgebildet waren. Von der Mitte der Decke hing ein in einem Leinewandsack eingenähter Kronleuchter herab, der so dicht mit Staub bedeckt war, daß er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. In einem Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter Sachen; dies waren gewissermaßen die gröberen Gegenstände, die nicht gewürdigt wurden, auf dem Tisch zu liegen. Was das eigentlich für Sachen waren — das ließ sich nicht leicht angeben; denn es lastete eine so dicke Staubschicht auf ihnen, daß jede Hand, die sie berührte, große Ähnlichkeit mit einem Handschuh bekam; die einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem Schutthaufen abhoben, waren: ein Stück von einer zerbrochenen hölzernen Schaufel und eine alte Schuhsohle. Kein Mensch hätte geglaubt, daß dies Zimmer von einem lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte abgetragene Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis abgelegt hätte. Während unser Held noch in die Betrachtung dieser merkwürdigen Zimmerausstattung versunken war, öffnete sich eine Seitentür, und dieselbe Schließerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat herein. Jetzt aber sah er, daß dies eher ein Schließer, als eine Schließerin war: wenigstens pflegte sich eine Schließerin gewöhnlich nicht den Bart zu rasieren, dieser Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht selten, denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts glich einem Striegel aus Eisendraht, mit dem man die Pferde im Stalle zu putzen pflegt. Tschitschikows Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an; er wartete mit Ungeduld darauf, was ihm der Schließer sagen würde. Dieser schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows Anrede zu warten. Endlich entschloß sich der letztere, dem diese beiderseitige Unentschlossenheit recht peinlich wurde, zu der Frage:

„Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?“

„Der Hausherr ist hier!“ antwortete der Schließer.

„Wo denn nur?“ wiederholte Tschitschikow.

„Sie sind wohl blind, Väterchen? Was?“ versetzte der Schließer. „Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!“