Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr sein müsse, und sich bloß so anstelle, als ob er im Zivildienst gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: „Heh! Proschka!“ Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener vollführten.

„Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,“ sagte Pljuschkin zu Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. „Der Kerl ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel? Ja, was denn nur?“ Hier machte er eine kleine Pause, während der Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. „Stell den Samowar auf! Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt’s was mit der Birkenrute, verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich und verdächtig vor, und er dachte sich: „Weiß der Teufel, vielleicht ist er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender! Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!“ Er sagte daher teils aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute rot, morgen tot.

Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern.

Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern und Schalen herum und rief schließlich aus: „Jetzt kann ich ihn nicht finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. Ah da ist er schon?“ Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. „Der stammt noch von meiner seligen Frau her,“ fuhr Pljuschkin fort, „die Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.“

Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe.

„Schon gegessen und getrunken!“ sagte Pljuschkin. „Freilich, freilich. Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der angefahren kommt, dann heißt es gleich: ‚Onkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?‘ Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu lassen.“ Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij „Immerlangsamvoran“ aus der ganzen Menschenflut hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen.

„Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.“

„Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?“

„Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. Ach ja, doch, Väterchen! Wie denn nicht! Natürlich habe ich einen,“ rief er plötzlich aus. „Der Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an ihn schreiben?“

„Aber natürlich.“