Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.
Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle Grade.
Kowalew war ein kaukasischer Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor vor, sondern stets als Major. „Hör doch, mein Täubchen,“ sagte er gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand feilbot, „geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der Sadovaja[12] und frage nur: ‚Wohnt hier der Major Kowalew?‘ Jedermann wird dir gern Auskunft erteilen.“ Oder begegnete er einer artigen Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: „Du brauchst nur nach der Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!“ Aus diesem Grunde wollen auch wir ihn von nun an stets den „Major“ nennen.
Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d. h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben und gut „Boston“ spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen oder auch mit der Inschrift „Mittwoch“, „Donnerstag“, „Montag“ usw. versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt, nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.
Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen — in seinen Mantel eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn er gerade Nasenbluten hätte.
„Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht geschwunden ist,“ dachte er.
Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.
„Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,“ sagte er; „nun kann ich meine Untersuchung beginnen!“
Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.
„Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,“ schrie er, indem er empört ausspie; „wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!“