Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte:
„Die reinste Karikatur!“
Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! — aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.
Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.
Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.
Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze angezündet hatte.
Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah.
Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:
„Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?“
„Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,“ sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete.