„Ich will ihm meine Aufwartung machen!“ versetzte Tschitschikow.
„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow!“ dachte Tentennikow.
„Was für ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow!“ dachte Tschitschikow.
„Ich fahre morgen gegen zehn Uhr früh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um so besser. Leider ist bloß meine Kutsche noch nicht in der rechten Verfassung, ich möchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren Wagen zu benutzen. Ich möchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm hinfahren!“
„Aber natürlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfügung!“
Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits über die Eigenheiten des andern nachzudenken.
Und doch: war es nicht merkwürdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militärs, in einem neuen Frack, weißer Weste und weißer Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um dem General seine Aufwartung zu machen: — da geriet Tentennikow in eine solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung. Eine nervöse Raserei bemächtigte sich plötzlich mit aller Gewalt dieses schläfrigen und in Bequemlichkeit und Müßiggang versunkenen Träumers.
Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, über etwas nachzudenken. Verlorene Liebesmüh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemühen! Armselige Bruchstücke eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drängten sich in sein Hirn und bestürmten seinen Schädel. „Ein merkwürdiger Zustand!“ sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken, der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.
Zweites Kapitel.
In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow über die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg — erst ging es durch den Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch gepflügten Ackerlandes lag und im ersten Grün des Frühlings prangte, dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort herrliche Fernblicke auftaten — und endlich durch eine breite Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln über, die unten in geflochtene Körbe eingefaßt waren, und führte zuletzt auf ein gußeisernes Torgitter, hinter dem man den prächtigen, mit reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses erblickte, der von acht Säulen mit Korinthischen Kapitälen getragen wurde. Überall roch es nach Ölfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab, und keinem Ding Zeit ließ, alt zu werden. Der Hof war so glatt und sauber, daß man über Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat die Treppe. Er ließ sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt in dessen Arbeitszimmer geführt. Die majestätische Gestalt des Generals machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen zugeknöpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war offen, sein Gesicht männlich, er trug einen großen Schnurrbart und einen stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder „dreistöckig“, wie man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Längsfalten und eine Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prächtigen Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzügen und Mängeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewürfelt: Großmut und Aufopferungsfähigkeit, in entscheidenden Momenten auch Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine genügende Dosis Eitelkeit, Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die, welche ihm den Rang abgelaufen hatten und äußerte sich in sarkastischer Weise über sie. Am meisten aber hatte einer seiner früheren Kollegen von ihm zu leiden, denn der General war fest davon überzeugt, daß er in bezug auf Verstand und Fähigkeiten hoch über jenem stand, und doch hatte ihn der andere überholt und war bereits Generalgouverneur zweier Provinzen. Unglücklicherweise befand sich auch noch eins von den Gütern des Generals in einer dieser Provinzen, sodaß dieser gewissermaßen von seinem Kollegen abhängig war. Der General rächte sich reichlich; er sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine jede seiner Verordnungen und erklärte jede seiner Maßnahmen und Handlungen für den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles an ihm hatte einen gewissen merkwürdigen Anstrich, vor allem auch seine Bildung. Er war nämlich ein großer Freund und Vorkämpfer der Aufklärung; auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wußten, was ihm unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu glänzen. Einen großen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen. Bei einem Charakter, der soviel Härten und soviel starke hervorstechende Gegensätze aufwies, war es nur natürlich, daß er im Dienst beständig mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen hatte, was ihn schließlich auch veranlaßte, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, daß es so gekommen war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht den Mut, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen. Auch nach seinem Abschied behielt er seine vornehme und majestätische Haltung. Ob er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte — er blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majestätisch, und flößte jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens Furcht oder Scheu ein.