„Da haben wir’s!“ dachte Lenitzyn: „das ist aber eine höchst merkwürdige Geschichte.“ Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurück, denn er befand sich in der höchsten Verlegenheit.
„Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Sie hierüber mit mir einverstanden sein werden,“ fuhr Tschitschikow fort, „denn das ist eine ganz ähnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie bleibt natürlich ganz unter uns — wir sind doch gesetzte und vernünftige Leute, und es kann daher gar kein Ärgernis geben.“
Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer äußerst peinlichen Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen können, daß die von ihm noch vor wenigen Minuten geäußerte Ansicht so schnell in die Tat umgesetzt werden könnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet. Selbstverständlich konnte für niemand etwas Schädliches daraus entstehen: jeder Gutsbesitzer hätte, wenn es darauf angekommen wäre, ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen; der ganze Unterschied bestand bloß darin, daß sie jetzt in einer Hand vereinigt sein würden, während sie sich im andern Falle in vielen befunden hätten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschäftsmann im guten Sinne war. Er hätte sich nie bestechen lassen und für Geld eine schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlüssig, denn er wußte nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes Geschäft? Hätte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn gewandt, dann hätte er sagen können: „Ach Unsinn, das sind Torheiten! Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!“ Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele Berührungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen über die Fortschritte der Aufklärung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer überaus verzwickten Lage.
In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlösen. Sie war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fuße, die ein Kind auf den Armen trug, die jüngste Frucht der jungen Ehe. Tschitschikow ging natürlich sofort auf die Dame zu und begrüßte sie aufs liebenswürdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte, genügte vollkommen, um sie ganz für sich einzunehmen. Dann eilte er auf das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann, sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar freundliche Worte sagte, ihm A—u, A—u zurief, mit den Fingern schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte. Schließlich wurde es so zutraulich, daß es sich von Tschitschikow ruhig auf die Hände nehmen und hoch in die Luft heben ließ, ja, es begann sogar fröhlich zu lachen, was auch das Elternpaar höchlich erfreute.
Aber war es nun das Vergnügen, welches das Kindchen verspürte, oder etwas andres, genug es passierte ihm plötzlich etwas sehr Unangenehmes. Frau Lenitzyn schrie laut auf: „Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch den ganzen Frack verderben!“
Tschitschikow warf einen Blick auf den Ärmel seines neuen Frackes und war aufs höchste erschrocken. Der ganze Ärmel war hin: „Wenn dich doch der Teufel holte, verdammter Schelm!“ murmelte er ärgerlich vor sich in.
Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um kölnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.
„Das macht nichts, das macht wirklich nichts,“ sagte Tschitschikow: „Was kann einem denn ein unschuldiges Kind antun?“ Zugleich aber dachte er sich: „Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein goldenes Alter!“ bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein freundliches Lächeln erhellte aufs neue seine Züge.
„Tatsächlich,“ versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem freundlichen Lächeln an Tschitschikow wandte, „was gibt es Schöneres als das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft ...“
„Ja, mit einem Kinde würde ich sofort tauschen,“ entgegnete Tschitschikow.