„Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich könnte ihm äußerst interessantes Material geben!“

„Er hat nicht den Mut, Exzellenz!“

„Was für ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.“

„Das würde er nie zugeben, er wird selbst kommen,“ sagte Tschitschikow, er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: „Hm! die Generäle kommen mir aber gerade zupaß; und dabei hat meine Zunge doch ganz frech darauflos geschwätzt!“

In dem Arbeitszimmer des Generals hörte man ein Geräusch. Die Nußholztür eines geschnitzten Schrankes öffnete sich von selbst. Auf der Rückseite der Tür erschien das lebende Bild eines Mädchens, welches die Türklinke in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers plötzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wäre, es hätte durch sein plötzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck hervorbringen können, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten Menschen im Zimmer sah —. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals schien zu leuchten und zu lächeln. Tschitschikow konnte sich im ersten Moment keine Rechenschaft ablegen, was für ein Wesen eigentlich vor ihm stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn man hätte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden können, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil schien ihre edle Gestalt alles zu überragen. Aber das war nur eine schöne Täuschung. Sie war keineswegs sehr groß. Dieser Schein rührte bloß von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen. Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend an, daß man hätte glauben können, die berühmtesten Schneiderinnen wären zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen möchte. Aber auch das war nur eine Täuschung. Sie dachte nicht lange über ihre Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stück des einfarbigen Stoffes berührt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib gelegt; hätte man dieses Gewand samt ihrer Trägerin im Bilde festgehalten, so hätten alle modischen Damen und Fräuleins ausgesehen, wie bunte Kühe oder irgend eine Schöne vom Trödelmarkt. Und hätte man sie mit diesen Falten und in diesem sie umhüllenden Gewande in Marmor gehauen, so hätte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Künstlers genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und schmächtig.

„Darf ich Ihnen mein Nesthäkchen vorstellen!“ sagte der General, indem er sich an Tschitschikow wandte. „Übrigens verzeihen Sie, ich kenne Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...“

„Muß man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch durch keinerlei Vorzüge und Tugenden ausgezeichnet hat,“ entgegnete Tschitschikow, während er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.

„Immerhin ... So etwas muß man doch wissen!“

„Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz!“ sagte Tschitschikow, indem er sich beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs verbeugte und mit der Elastizität eines Gummiballs zurücksprang.

„Ulinka!“ fuhr der General fort. „Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine äußerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an einem großen Werk: an einer Geschichte der Generäle des Jahres 1812.“