„Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen anderer Leute umnebeln kann!“ sagte Tschitschikow, indem er den Philosophen gleichfalls mit Vergnügen betrachtete, wie ein Schüler, der die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklärt, schon begriffen hat.

„Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, daß Sie sich finden werden: wenn man sich nur häufig genug darin übt, dann wird auch der Kopf allmählig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, daß man Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte, und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man muß nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts, wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie müssen sich rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt’s eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstände wirklich kritisch werden, muß man zuallererst daran denken, die ganze Affäre recht verwickelt zu machen. Und das läßt sich so gut bewerkstelligen, daß sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil ich genau weiß: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den Polizeimeister, den Kassierer — ich lasse keinen frei ausgehen. Ich kenne ihre Verhältnisse ganz genau; ich weiß, ob einer dem andern zürnt, ob er sich über ihn ärgert und ihm etwas Böses gönnt. Meinetwegen mögen sie sich nachher aus der Affäre ziehen. Unterdessen aber können andere Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trüben Wasser krebsen gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, daß nur ein möglichst großer Wirrwarr entsteht.“ Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow wiederum so vergnügt an, wie ein Lehrer seinen Schüler, dem er ein noch weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklärt.

„Nein, dieser Mann ist tatsächlich ein Weiser,“ dachte Tschitschikow und verabschiedete sich in der besten und vergnügtesten Laune vom Rechtsanwalt.

Er fühlte sich wieder vollständig beruhigt, daher warf er sich mit einer nachlässigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in eigener Person. Als er zum Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck schließen lassen und sogar seine Füße tief in die Lederdecke gehüllt, jetzt dagegen schlug er ein Bein über das andre, und wandte allen Vorübergehenden sein lächelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das Ohr gerückten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentüren und grüßten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gruß nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein. Viele von ihnen kannte er schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie ganz entzückt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe; war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren für die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten nach Hause zurückzukehren.

„Bitte hierher, treten Sie gefälligst ein,“ rief ihm ein Kaufmann von der Ladentüre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgefälliger Höflichkeit. Sein Haupt war entblößt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut, während er mit der andern leicht über sein rundes Kinn strich. Hierbei suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck zu geben.

Tschitschikow trat in den Laden: „Lassen Sie sehen, was Sie für Stoffe haben, Verehrtester.“

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische verband, in die Höhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rücken und dem Käufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrüßte er entblößten Hauptes und den Hut respektvoll lüftend, noch einmal seinen Gast. Dann setzte er den Hut auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: „Was für Stoffe wünschen Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterländischen Produkte vor?“

„Ich wünsche einen russischen Stoff,“ versetzte Tschitschikow, „aber von der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.“

„Und welche Farben finden Ihren Beifall?“ fragte der Kaufmann, der sich noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Händen balancierte.

„Haben Sie einen glänzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrünen Stoff, wenn möglich mit einer preißelbeerfarbenen Nuance?“